Man sagt, dass Thomas Ganske seiner Leidenschaft für Ferraris eher diskret frönt. Der Geschäftsführer der Ganske Verlagsgruppe scheint der Prototyp des ehrbaren Kaufmanns zu sein, unprätentiös, kontaktfreudig – aber medienscheu.
Für einen Verleger verständlich, ist Thomas Ganske besorgt um die Wahrung der Urheberrechte. So hat er an prominenter Stelle den so genannten Heidelberger Appell unterzeichnet, in dem es heißt: „Autoren und Verleger lehnen alle Versuche und Praktiken ab, das für Literatur, Kunst und Wissenschaft fundamentale Urheberrecht, das Grundrecht der Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Presse- und Publikationsfreiheit zu untergraben. Es muss auch künftig der Entscheidung von Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern, kurz: allen Kreativen freigestellt bleiben, ob und wo ihre Werke veröffentlicht werden sollen. Jeder Zwang, jede Nötigung zur Publikation in einer bestimmten Form ist ebenso inakzeptabel wie die politische Toleranz gegenüber Raubkopien, wie sie Google derzeit massenhaft herstellt.“
Dass sich Medienleute wie Ganske dagegen wenden, ist gut. Denn das Urheberrecht wird in einer digitalen Welt von allen Seiten bedroht.
Allerdings auch von Thomas Ganske.
In Thomas Ganskes Persönlichkeit scheinen zwei Seelen zu schlummern: die des Publizisten und die des Unternehmers. Als Publizist setzt er sich für das Urheberrecht ein, aber als Unternehmer versucht er Urhebern möglichst viele ihrer Rechte abzutrutzen.
Ein Teil der Ganske Verlagsgruppe, der Hamburger Jahreszeiten Verlag, tut sich zurzeit besonders damit hervor, Fotografen ihrer Möglichkeiten zu berauben. Der Verlag, der Zeitschriften wie „Für Sie“, „Petra“, „Selber machen“, „Merian“, „Der Feinschmecker“ sowie „Architektur und Wohnen“ publiziert, löste mit neuen Rahmenverträgen eine Protestwelle unter Fotografen und Bildagenturen aus. Diese Regelungen unterscheiden sich von den bisherigen drastisch.
FREELENS, der Verband der Fotojournalistinnen und Fotojournalisten, mit über 1800 Mitgliedern, prüfte den Vertrag und kritisiert in einem Schreiben gegenüber Thomas Ganske, Vorstand der Ganske-Gruppe, im Wesentlichen drei Punkte.
Autorenrechte kontra Bilderflut
Zukünftig sollen alle aufgenommen Fotos den Redaktionen geliefert werden. Wer ein wenig von der Materie versteht, ist verwundert: Dieser Passus wird den Fotoredakteuren unerfreuliche Bilderfluten bescheren: Dank der Digitalisierung der Fotografie ist die Anzahl der Auslösungen sprunghaft angestiegen. Bei mehrtägigen Reportagen entstehen schnell tausende von Bildern.
Ein Problem, das der Verlag zu lösen hat – der Fotojournalist dagegen soll in seinen Autorenrechten massiv beschnitten werden, denn er ist Autor seiner Fotoreportage. Er wählt die Bilder aus, die er als maßgeblich für den Inhalt seiner Reportage hält. Dieser Auswahlprozess ist Teil des journalistischen Handelns, ähnlich wichtig, wie das Fotografieren selbst. Der Fotojournalist hat einen Anspruch darauf, sein Werk in der von ihm geschaffenen und gestalteten Form zu präsentieren – wie es auch der Heidelberger Appell fordert.
Bei Textjournalisten ist dies selbstverständlich. Sie machen sich bei der Recherche viele Notizen und aus der Essenz dieser Notizen entsteht die Geschichte. Niemals würde eine Redaktion die Notizen von einem Wortjournalisten einsehen wollen. Oder fordert man demnächst auch von Autoren jeden missratenen Satz?
Nach der Entmündigung kommt die Enteignung
In Zukunft will der Jahreszeiten Verlag sehr weitgehende Nutzungsrechte exklusiv erwerben und diese auch an Dritte weitergeben können. So sollen die Bilder nicht nur vom auftraggebenden Magazin, sondern auch von sämtlichen Objekten der Ganske Verlagsgruppe, ohne weitere Honorierung genutzt werden. Hier galt bislang grundsätzlich: Bei einer Nutzung durch Dritte, auch innerhalb des Verlages, erfolgt eine erneute Honorierung.
Die Exklusivität - also das Recht des Verlages, die Bilder alleinig zu nutzen - war in aller Regel zeitlich begrenzt, zum Beispiel für ein halbes Jahr. Danach konnte der Fotojournalist die Bilder anderweitig verwerten, also an andere Medien verkaufen, in der Regel über eine Bildagentur. Ein wichtiger Teil der Existenzsicherung von Fotografen.
Einschränkung der Marktchancen
Fotojournalisten haben also per Vertrag keine Möglichkeit mehr, ihre Bilder selbst oder über ihre Bildagentur zu vermarkten. Sie werden gezwungen diese exklusiv in die Hände der Syndication, also der In-House Bildagentur des Verlages, zu geben. Der Begriff "Zwangs-Syndication" macht unter den Betroffenen die Runde. Für Bildverkäufe sollen Fotojournalisten 50 Prozent der Netto-Erlöse erhalten, die der Syndication zufließen. Völlig unklar bleibt, wie sich diese Netto-Erlöse überhaupt errechnen. Rechenkunststücke zu Lasten der Fotografen sind dabei vorprogrammiert.
Hart würde die Fotojournalisten auch treffen, dass sie mit der Unterschrift unter den Vertrag auf das Recht verzichten müssen, darüber zu bestimmen, wo ihre Bilder veröffentlicht werden und wo nicht. Auch dieses Recht fordert der Heidelberger Appell für alle Autoren ein.
Sollte sich so eine Regelung in Verlagskreisen durchsetzen, werden die Fotoagenturen einer wichtigen Quelle für Bildmaterial beraubt, was sicher für viele das wirtschaftliche Aus bedeuten wird. Damit schadet sich die Verlagsgruppe selbst, denn auch sie ist auf ein möglichst breites Angebot guter Archivfotos angewiesen. Viele Fotojournalisten glauben nicht daran, dass die Syndication des Verlages ähnliche Erträge abwirft, wie der Vertrieb ihrer Bildagenturen, mit denen sie vertraglich verbunden sind. Weil Magazine nur sehr ungern Bilder drucken, die mit dem Urhebervermerk ihres Konkurrenten versehen sind, sind die Marktchancen von Verlagsagenturen deutlich eingeschränkt. Honorare durch Weiterverkäufe sinken, und damit geht ein wichtiger Bestanteil des Einkommens von Fotojournalisten flöten.
Die Aufkündigung einer Partnerschaft
Die bisherigen Gepflogenheiten zwischen Fotojournalisten und Magazinen sollen mit den neuen Vertragsklauseln auf den Kopf gestellt werden. Während sich der Verlag allein vom Gedanken der Wirtschaftlichkeit, vom Streben nach Gewinn leiten lässt, wird auf die Existenz von Fotojournalisten und Bildagenturen, ihre wichtige Funktion für Gesellschaft und Kultur, keine Rücksicht genommen. Mit Verantwortungsbewusstsein – nicht nur für das eigene Unternehmen – hat das wenig zu tun. Auch der Begriff „Geschäftspartner“ hat seinen Sinn verloren.
Gegen das Diktat des Vertrages formiert sich einen breite Allianz von Fotojournalisten und Bildagenturen. Sie wollen den Vertrag nicht akzeptieren. Innerhalb kürzester Zeit haben sich mehr als 300 Fotojournalisten in eine Liste eingetragen, die sich wie das Who is Who des Fotojournalismus liest. Sie machen damit deutlich, dass Sie auf dieser Grundlage nicht zu einer Zusammenarbeit mit dem Jahreszeitenverlag bereit sind.
Für den Jahreszeiten Verlag stellt sich damit die Frage, was ein Vertrag wert ist, für den der überwiegende Teil der Fotojournalisten nicht als Vertragspartner zur Verfügung steht. Gerade so hochwertige Magazine wie Merian, das seit 1948 monatlich erscheint, leben von den hervorragenden kreativen Arbeiten der Fotojournalisten, die für sie rund um den Globus reisen.
Der Ruin der journalistischen Freiheit
Thomas Ganske antwortete auf ein FREELENS-Schreiben lediglich mit Allgemeinplätzen. Lapidar heißt es: „Ich wünsche mir für die Zukunft eine konstruktive Zusammenarbeit. Wir werden unsererseits alles dafür tun, dass die hochwertigen Zeitschriften aus unserem Hause weiter erscheinen können." Ein frommer Wunsch, denn es ist die Frage erlaubt, wie es in Zukunft um die optische Qualität steht.
Es muss Magazinen mit hohem Anspruch an die eigene Bildsprache doch darum gehen, mit den besten Fotojournalisten zu arbeiten – und nicht mit denen, die zu jedweden Bedingungen bereit sind Ihre Reportagen zu liefern. Es muss doch darum gehen, den Fotojournalisten Ihre Freiheit zu erhalten, weil eben dieses freie unabhängige Denken diese Menschen dazu befähigt, kreative Akzente zu setzen.
Ein Fotojournalist ist tagtäglich darauf angewiesen, das Vertrauen der Menschen, die er fotografiert, zu gewinnen. Wie soll er für einen Verlag arbeiten, für den Vertrauen ein Fremdwort ist?
Wen wundert es noch nach Aktionen wie dem “Leserreporter”, daß das Primat auch anderswo nicht mehr auf Qualität, sondern auf Kostenreduktion gelegt wird? Anders sind wohl nach dem Abwandern der Werbeeinnahmen und rückläufigen Abozahlen die Renditen für die Anteilseigner nicht zu halten. Ob es dann morgen überhaupt noch etwas zu verteilen gibt, interessiert heute noch keinen.
Wenn auch sonst niemand mehr von Jalag fotografieren sollte, istock und fotolia liefern immer. “Lieschen Müller” und “Hans Schulze” schicken ihre Bilder nicht nur gerne dorthin, sondern auch für die pure Ehre direkt an die Redaktion und beteiligen sich an jedem noch so windschiefen Wettbewerb. Man könnte fast meinen, wir seien Don Quichote …
Nichts desto trotz ist es richtig, daß sich freelens (alleine, oder noch einer der zahllosen Fachverbände?) tatsächlich für die Belange ihrer Mitglieder einsetzt und so dem einen oder anderen dabei die Augen öffnet (wie viele lesen normalerweise erst, nachdem sie unterschrieben haben?). Denn die Schmerzgrenze des Erträglichen ist für viele Kollegen längst überschritten.
Die Blätter, die jetzt am lautesten über soziale Ungerechtigkeiten schreien, haben zuerst mit eisernem Besen in den eigenen Redaktionsstuben gekehrt und halten sich mit den fälligen Honorarrechnungen am längsten zurück, wenn sie sich ihre Bilder nicht ohnehin “diskret” bspw. bei SchülerVZ oder in der fc “beschafft” haben.
Dann mal viel Erfolg bei dieser und den voraussichtlich noch folgenden Aktionen.
Peter
Es ist ein noch größerer Skandal, der sich seit Jahren abzeichnet: Bei der Umstellung von analog auf digital hatte wir Photographen alle Kosten am Hals. Wir waren gezwungen, zehntausende in neues Equipment (mit einer lächerlichen Halbwertszeit zu investieren), um die journalistische Qualität z.B. Schnelligkeit den neuen Möglichkeiten anzupassen. Anstatt einen Teil dieser Kosten zu übernehmen, z.B. durch Honorarerhöhungen, haben die meisten Verlage obendrein auch noch den Gewinn komplett eingeheimst, den sie durch eingesparte Film- Entwickelungs- und Scankosten erzielt haben. Das sollte nicht vergessen werden, wenn es heute erneut darum geht, uns um die Früchte unserer Arbeit zu bringen. Auch sollte nicht vergessen werden, dass andererseit dieselben Häuser in ihren Publikationen ansonsten
jeden sozialpolitischen Skandal, den sie aufdecken, mit scharfen Worten und erschütternden Bildern (unseren Bildern natürlich) verurteilen.
Glückwunsch an FreeLens für diese zivilcouragierte Aktion. Was nützen mühsam erstrittene Urheberrechte, wenn man im Ernstfall nicht bereit ist sie zu verteidigen?
Bei allen Kompromissen, die die Realität des Berufslebens mit sich bringt, gibt es Grenzen des Anstands, nicht nur des hanseatischen. Es ist gut, dass FreeLens aktiv wird, wo diese Toleranzgrenze überschritten wird.
Man ist letzlich im Vorteil wenn man es als Selbstständiger schafft so zu handeln, dass man morgens noch gerade in den Spiegel schauen kann.
Es bringt nur vermeintliche Unannehmlichkeiten mit sich, sich der kritisierten Verlagspolitik nicht unterzuordnen, wenn man, entsprechend der Freiheit des Unternehmers handelnd, eine erfolgversprechende eigene Marktpositionierung vorantreibt.